Der "King" von Neu-Isenburg

Verbandsligist SpVgg Neu-Isenburg blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Der Verein war deutscher Amateurmeister und kickte gegen die Auswahl Jugoslawiens. Selbst der "King" spielte für das Team.

Die Spieler nach Gewinn der Amateurmeisterschaft in Berlin.

Ob die aktuellen Verbandsliga-Kicker der Spielvereinigung Neu-Isenburg das wissen? Die 03er haben einen langen Weg hinter sich – hervorgegangen aus dem "Freispielclub 03", der am 13. Juni 1903 gegründet worden war, entstand der Verein erst über Umwege. So gab es mehrere Fusionen, bis 1946 endgültig die SpVgg 03 Neu-Isenburg (wieder-)gegründet wurde.

Der Verein darf sich mit dem Titel des Deutschen Amateurmeisters von 1956 schmücken. Bis 1964 spielte der Club noch in der zweithöchsten Spielklasse, der Regionalliga Süd, dann kam der Zwangsabstieg in die Hessenliga aufgrund einer Umstrukturierung der Klassen. Es folgte ein langsamer Abstieg, der seinen negativen Höhepunkt in der Kreisliga A zu Beginn des neuen Jahrtausends fand.

Unter der Leitung des Trainers Peter Hoffmann, der das Team 2003 in der A-Klasse übernahm, hat man sich zurück in die Verbandsliga Süd gekämpft, wo das Team seit 2008 eine gute Rolle spielt. "Die Verbandsliga ist mit dem momentanen Umfeld das höchste, was wir spielen können", sagt Hoffmann zu hr-online. "Da sind wir zu Hause."

Aus den "Mainfürthern" wurde der Amateurmeister

Die Amateurmeister beim Empfang in Neu-Isenburg.


In Anlehnung an die Teams aus Fürth und Nürnberg und deren technisch anspruchsvollen Fußball war die Mannschaft aus Neu-Isenburg vor dem Zweiten Weltkrieg als die "Mainfürther" bekannt. Erfolg blieb auch nach dem Krieg nicht lange aus – noch im Jahr 1946 gewann Neu-Isenburg die Meisterschaft der neugegründeten Landesliga Hessen. Kurios war allerdings, dass ihnen der Oberliga-Aufstieg verwehrt wurde, denn sie hatten den nicht spielberechtigten Neuzugang Kästner aus Fürth eingesetzt.

Zehn Jahre später folgte der größte Erfolg der Vereinsgeschichte: Zuerst gewann die Mannschaft des damaligen Trainers Erwin Schädler in Offenbach das Entscheidungsspiel um den Finaleinzug um die Deutsche Amateurmeisterschaft gegen Südring Berlin. Das Finale gegen den VfB Speldorf fand im Berliner Olympiastadion statt, "als Vorspiel der Profis von Dortmund und Karlsruhe", wie der damalige Spieler Helmut Stamer berichtet.

Stamer war es auch, der im Finale gegen Speldorf das entscheidende 3:2 schoss. Seitdem ist sein Spitzname "King". "Damals sprachen mich alle nur mit 'King' an. Selbst Briefe wurden nur an meinen Spitznamen adressiert; der Postbote wusste ja, wo ich wohne", so Stamer.



Bier und Fleischwurst als Prämie

Das Olympiastadion war zum Finale gegen Speldorf randvoll. Ausgelassen gefeiert wurde der Sieg zunächst in der Kabine. Am Abend gab es noch ein Bankett des DFB, bei dem unter anderem auch der frischgekürte Deutsche Meister Borussia Dortmund, Vizemeister Karlsruher SC sowie Weltmeister-Trainer Sepp Herberger anwesend waren. Der Höhepunkt für die Neu-Isenburger Spieler folgte aber erst noch: Der Empfang in ihrer Heimatstadt war überwältigend. "Ganz Neu-Isenburg war auf den Beinen. Es war wie ein Volksfest", berichtet die Archivarin des Vereins, Christel Passinger.

Siegtorschütze Stamer rühmt sich nicht mit dem Erfolg und seinem wichtigen Tor. Er verweist lieber auf die Unterschiede zum heutigen Fußball: "Das war damals eine andere Zeit", sagt er. "Wir Spieler haben uns zwar nach dem Spiel getroffen, elf Freunde waren wir aber auch nicht immer." Heute sei ihm der Sport ein wenig zu sehr auf das Geld ausgerichtet – "ich war damals Vertragsspieler für 320 Mark, den gleichen Betrag hat auch ein Fritz Walter bekommen, zumindest offiziell".

Auch die "Belohnung" für einen Sieg sei mit der von heute nicht mehr zu vergleichen. Für einen Erfolg gab es eine Kiste Bier für die Mannschaft und für die Spieler einen Kringel Fleischwurst. "Damit war ich zufrieden. Außerdem wurde immer gesagt 'Bier gibt einen stahlharten Schuss', den hatte ich allerdings nie."



Testspiel gegen Jugoslawien.

Peter Hoffmann, der heutige Trainer und ehemalige Spieler, betrachtet ein Spiel aus dem Jahre 1974 als seine schönste Erinnerung an die früheren Jahre der 03er. "Als ich acht Jahre alt war, durfte der Verein im Vorfeld der WM ein Testspiel gegen die jugoslawische Nationalmannschaft austragen. Damals kamen 18.000 Zuschauer, und die Leute haben bis auf der Aschenbahn gesessen."

Zu den Verbandsliga-Spielen kommen jetzt 200 bis 400 Zuschauer in den 15.000 Plätze bietenden Sportpark. Noch heute verfolgt der "King" jedes Heimspiel seines Teams. "Die jungen Spieler kennen mich aber gar nicht mehr", sagt der 74-Jährige. So ändern sich die Zeiten.

Quelle: hr-online.de